Archiv: Carstensen

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Kreis Paderborn (ho). Der folgende Artikel erschien im April 2011 in dem Portal Delbrueck-live.com. Die am Anfang des Artikels erwähnte 110. Ausgabe der „Paderborner Zeitung von Älteren für Ältere – Die Brücke“ erschien ebenfalls im April 2011.

Die Redaktion, Adalbert Höber

Broder Carstensen und seine Wörter des Jahres

Kreis Paderborn (kt). In der 110. Ausgabe der „Paderborner Zeitung von Älteren für Ältere – Die Brücke“. erinnert Otmar Allendorf an Professor Broder Carstensen und „seine“ Wörter des Jahres. Wir veröffentlichen den Artikel in Delbrueck-live.com mit freundlicher Genehmigung des Autors Otmar Allendorf und des Redakteurs der Brücke, Klaus Terstesse.

Mit Großbuchstaben titelte am 23.1.1992 die BILD-Zeitung auf der ersten Seite:
Krebs – Deutschlands berühmtester Sprachforscher starb in Paderborn
Worte des Jahres machten Prof. Carstensen berühmt

Professor Dr. Dr. h. c. Broder Carstensen wäre ein idealer Vertreter für die heute laufende Kampagne Paderborn überzeugt gewesen, ja wäre … In wenigen Wochen, am 27. Mai 2011, wäre sein 85. Geburtstag. 20 Jahre hat Carstensen in Paderborn gelebt. Von 1972 bis 1976 war er der Gründungsrektor der Gesamthochschule Paderborn, die 1975 ihren Namen in Universität-Gesamthochschule änderte. Danach widmete er sich wieder seiner Tätigkeit als Hochschullehrer. Der Professor war ein erfolgreicher Vertreter der englischsprachigen Literaturwissenschaft und ein international anerkannter For­scher auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft.
Seine besondere Neigung gehörte der Beobachtung der deutschen Sprache und wie sie sich veränderte. Vor seinem Amtsantritt in Paderborn hatte er schon in einer Zeitschrift der „Gesellschaft für deutsche Sprache“ (Wiesbaden) „Die Wörter des Jahres 1971“ veröffentlicht, so Nostalgie, das „Heimweh nach der versunkenen Welt der Großmütter und der Gründerväter“. Das Wort des Jahres 1970 aufmüpfig – im Zusammenhang mit der „Linken“ – war ebenfalls noch populär.

Als er 1976 die Last der Rektoratsarbeit hinter sich gelassen hatte, konnte er sich wieder seinem Hobby zuwenden. So bot er dem damaligen Leiter der Paderborner Volkshochschule, dem Verfasser dieses Artikels, an, 1978 über seine Beobachtungen zu den „Wörtern des Jahres 1977“ in der VHS zu referieren. 14-mal bis 1990 fand diese Veranstaltung statt. Die Veranstaltungsorte deuten an, wie populär Carstensens Vorträge von Jahr zu Jahr wurden. Es begann 1978 in der Spardose, dem Veranstal­tungsraum der Sparkasse; 1981 wechselte man in die Städtische Galerie. 1982 als Eröffnung des Studienjahres am Sonntagmorgen um 11 Uhr in die Westfälischen Kammerspiele verlegt, zeigte sich, dass auch das Theater nicht alle Zuhörer und Zuhörerinnen fassen konnte. So wurde die Aula des Gymnasiums Theodorianum mit ihren annähernd 300 Plätzen für die Folgejahre der Ort seiner geistreichen wie unterhaltsamen Matineen. Das Westfälische Volksblatt nannte am 24.1.1983 Carstensens Vortrag „Wörter des Jahres 1982“ mit Hunderten von Zuschauern die „meistbesuchte, gar beliebteste Veranstaltung der VHS im hiesigen Raum“. Den Rang konnte ihm höchstens Eugen Drewermann mit seinen (ab 1980) alljährlichen Advents-Vorträgen in der VHS streitig machen.
Vortrag im Theodorianum am 2.2.1986

Wörter des Jahres

1977 Szene in Fügungen wie Berliner oder Bon­ner Szene, Kulturszene, also ein Ort, an dem sich etwas ereignet
1978 konspirative Wohnung: Wohnung von Terroristen
1979 Holocaust: Massenmord an den Juden – nach der Ausstrahlung des gleichnamigen amerikanischen Fernsehfilms
1980 zum Anfassen wie „Papst zum Anfassen“ (Johannes Paul II., dessen Pontifikat am 16. Ok­tober 1978 begonnen hatte), Fernsehen zum An­fassen, „realistisch ein Ereignis erleben“ (Carst.)
1981 Null-Lösung: Reduzierung der Aufrüs­tung auf null
1982 Wende: Orientierung der FDP zur CDU mit Regierungswechsel, Wendemanöver und Genscher als „Wendelin“
1983 nochmals Wende: Helmut Kohl als Wende-Kanzler; Strauß vollzog Doppelwende in der Deutschlandpolitik. Auch viel verwendet: Nachrüstung, Menschenkette der Friedensbewegung

1984 wg.: Flick-Chefbuchhalter erfand das Kür­zel für „wegen Begünstigung von“, um kenntlich zu machen, wer begünstigt wurde
1985 „Worte des Jahres“: Nicht ein Wort – sondern die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus:
„Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen. Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern“ (von Weizsäcker).
1985 auch viel verwendet: Yuppie, AIDS
1986 Ausstieg aus der Atomenergie nach der schweren Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986
1987 Glasnost: Parole für den Reformprozess in der Sowjetunion unter Generalsekretär Gorbatschow
1988 Zusammensetzungen mit -sterben: Robben- und Seehundsterben (18 Seehunde wurden vor der Insel Sylt gefunden, die an Lungenentzündung gestorben waren); Schulsterben (Schulen müssen geschlossen werden); Ladensterben (Läden des Einzelhandels müssen schließen). Auch „Glasnost“ weiter viel gebraucht.
1989 „Wir sind das Volk“ riefen in diesem Jahr vor dem Fall der Mauer Bürger und Bürgerinnen der DDR in Leipzig und anderswo.
1990 Deutschland: Die ersehnte Wiedervereinigung Deutschlands wurde Wirklichkeit.
Carstensens „Wörter des Jahres“ mit dem herausgehobenen „Wort des Jahres“ wurden Anfang 1981 als dpa-Meldung in nahezu allen großen Zeitungen verbreitet und lösten ein großes Echo aus. Für diese Art der Verbreitung hatte der damalige rührige Mitarbeiter des Paderborner Stadtpresseamts, Horst Pieper (1947–2009), gesorgt. Am 4. März 1981 trat Carstensen erstmalig in „Mittwochs in Düsseldorf“ im 3. Programm des WDR-Fernsehens auf. Im Mai 1981 trug er in der VHS Paderborn eine Sammlung der „Modewörter der 70er Jahre“ vor.

Der populäre „Paderborner Sprachprofessor“ –mit dem Beinamen „Professor zum Anfassen“ – wurde zu weiteren Talk-Shows und Interviews in Rundfunk und Fernsehen eingeladen. Das „Recht des ersten Vortrags“ seiner Beobachtungen gestand er immer der VHS Paderborn zu. Ab 1984 brachte er morgens zwischen 6 und 7 Uhr im WDR-Rundfunk sprachkritische Beiträge, die er 1986 zu seinem 60. Geburtstag als Beim Wort genommen – Bemerkens-wertes in der deutschen Gegenwartssprache veröffentlichte.

Im Jahr 1980 muss es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Carstensen und der „Gesellschaft für deutsche Sprache“ gekommen sein. Denn schon für 1980 veröffentlichten andere „Experten“ der Gesellschaft in deren Zeitschrift ihr „Wort des Jahres“, das dann nicht mehr mit dem von Carstensen gekürten übereinstimmte. Der Professor hatte seine Erkenntnisse bewusst als „subjektiv“ bezeichnet; daher ist es richtig, von „seinen“ Wörtern des Jahres zu sprechen. Er wertete Zeitungen und Zeitschriften sowie Sendungen des Hörfunks und Fernsehens u. a. aus und sammelte Mode- und Schlagwörter sowie merkwürdige Sprachschöpfungen; die Journalisten- und Politikersprache nahm er besonders ins Visier. Er zeigte, wie die gefundenen Wörter den Zeitgeist widerspiegelten. Vermehrt wurde er durch Zuschriften interessierter Sammler von Sprachbesonderheiten unterstützt.

Seine Paderborner Fans arbeiteten Carstensen natürlich auch zu. Die unterhielt er bei seinen jährlichen Vorträgen auf humorvoll-lau­nige Weise – manches Mal auch mit Spott, der arrogant wirken konnte. Man merkte ihm an, dass ihm im Norden, nämlich in Flensburg, wo er 1926 geboren wurde, eine gewisse ironische Grundhaltung auf den Lebensweg mitgegeben wurde. Sprachgewandt, wie er war, wusste er, wie er ein Auditorium fesseln konnte. Die Lacher hatte er stets auf seiner Seite, wenn er z. B. Sportreporter zitierte wie zur Olympiade 1984: „Harry Valerien begründete die amerikanischen Erfolge im Schwimmen mit der bemerkenswerten Beobachtung Die Amis sind nicht nur vorne stark, sie können auch hinten Dampf machen.“

Zu seinem letzten Vortrag am 3. Februar 1991 erschienen 350 Zuhörerinnen und Zuhörer. Sein Wort des Jahres 1990, des Jahres der Wiedervereinigung, war „Deutschland“. Als mögliches „Wort 1991“ nannte er besorgt „Angst“, denn im Golfkrieg begannen am 17. Januar 1991 die Kampfeinsätze einer Koalition gegen den Irak zur Befreiung Kuweits. Broder Carstensen starb am 22. Januar 1992. Ihm war es nicht vergönnt, die Vollendung seines Lebenswerkes Anglizismen-Wörterbuch. Der Einfluss des Englischen auf den deutschen Wortschatz nach 1945 zu erleben. Das von ihm begonnene Standardwerk, weitergeführt von Ulrich Busse und Regina Schmude, erschien in 3 Bänden von 1993 bis 1996.

2003 bekam einer der Hauptwege auf dem Universitätsgelände (vom Südring Richtung Stadt) die Bezeichnung „Broder-Carstensen-Weg“.

Text und Foto: Otmar Allendorf

Wörter wirken weiter
Die Gesellschaft für deutsche Sprache veröffentlichte als „Wort des Jahres“ im Jahr 1980 Rasterfahndung – 1981 Nulllösung – 1982 Ellenbogengesellschaft – 1983 Heißer Herbst – 1984 Umweltauto und 1985 Glykol. 1986 war es Tschernobyl – 1987 AIDS, Kondom – 1988 Gesundheitsreform – 1989 Reisefreiheit – 1990 Die neuen Bundesländer.

Nach der Wiedervereinigung folgten 1991 Besserwessi – 1992 Politikverdrossenheit – 1993 Sozialabbau – 1994 Superwahljahr – 1995 Multimedia – 1996 Sparpaket – 1997 Reformstau – 1998 Rot-Grün – 1999 Millennium und 2000 Schwarzgeldaffäre.
2001 war es dann der 11. September – 2002 Teuro – 2003 Das alte Europa – 2004 Hartz IV – 2005 Bundeskanzlerin – 2006 Fanmeile – 2007 Klimakatastrophe – 2008 Finanzkrise – 2009 Abwrackprämie und 2010 Wutbürger (für mich eigentlich ein „Unwort“).

Neben dem Wort des Jahres wird jährlich von der Jury der Aktion „Unwort des Jahres“ an der Universität Frankfurt a. M. das Unwort des Jahres bestimmt. Als geeignet gelten Ausdrücke „aus der aktuellen öffentlichen Kom­munikation“, welche nach Ansicht der Juroren „sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen“.

Als Unwort kürte man so 2009 betriebsratsverseucht, 2008 notleidende Banken, 2007 Herdprämie, 2006 freiwillige Ausreise, 2005 Entlassungsproduktivität, 2004 Humankapital, 2003 Tätervolk, 2002 Ich-AG und 2001 Gotteskrieger.
Im Jahre 2000 war es national befreite Zone, 1999 (der den Tod von Zivilisten verhüllende) Kollateralschaden, 1998 sozial verträgliches Frühableben, 1997 Wohlstandsmüll, 1996 Rentnerschwemme, 1995 Diätenanpassung, 1994 Peanuts, 1993 Überfremdung, 1992 ethnische Säuberung und 1991 ausländerfrei.
Zusätzlich wurde von der Jury Menschenmaterial als Unwort des 20. Jahrhunderts gewählt.

Zusammenstellung: Klaus Terstesse

http://www.spiegel.de/einestages/deutsche-sprachpreise-a-947377.html

 

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Professor Broder Carstensen
Vom Sprachwissenschaftler zum „Professor zum Anfassen“: Worte des Jahres machten Broder Carstensen berühmt.