Archiv: Reise nach Dröbak

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Bentfeld (ho). Wenn Anni Hils aus Bentfeld den Namen Dröbak hört, sagt sie wieder wie schon so oft: „Ich kann es bis heute noch nicht begreifen. Das war alles so komisch.“ Und dann erzählt sie noch einmal, was alles so komisch war auf der Reise von Bentfeld nach Dröbak Anfang Mai 1998. Wie sich ein Zufall an den anderen gereiht habe, als sie dort angekommen waren, und wie es so zu der Begegnung in Dröbak gekommen sei, die ihr nun nie mehr aus dem Kopf gehe.

„Ich kann mir das nur so erklären“, versucht sie den Dingen auf die Spur zu kommen, „mein Vater sprach nach dem Krieg immer davon, dass er so gerne einmal wieder nach Dröbak reisen würde. Dieser Herzenswunsch hat sich für ihn nicht erfüllt. 1977 starb mein Vater. Und nun musste ich für ihn diese Reise nach Dröbak machen.“ Es sei gewissermaßen eine Reise in Vertretung für ihren Vater gewesen, eine geführte Reise sozusagen.

„Nur so kann ich mir diese Reihe von Zufällen nach unserer Ankunft in Dröbak erklären. Eine andere Erklärung habe ich nicht“, sagt sie schmunzelnd.

Über die Reise nach Dröbak berichteten Carla Gebühr und Adalbert Höber im August 1999 im Delbrücker Kurier. Der folgende Artikel erschien in der Ausgabe Nr. 378 vom 3. August.

 

Begegnung in Dröbak

Ein Bericht von Carla Gebühr und Adalbert Höber

Sekundenlang ist es still, mucksmäuschenstill. „Dies ist die Insel Kaholm“, sagt dann Anni Hils aus Bentfeld und zeigt auf eine Luftaufnahme. „Auf dieser Insel im Oslofjord ist die Festung Oscarsborg. Hier, auf der gegenüberliegenden Seite, ist die kleine Stadt Dröbak.“

„Auf der Festung Oscarsborg war mein 1977 verstorbener Vater Bernhard Holtgrewe während des Zweiten Weltkriegs als Marinesoldat stationiert. Die Dienstzeit begann am 20. April 1940 und endete mit der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945.“

Anni Hils war fünf Jahre alt, als ihr Vater von Borkum nach Oscarsborg versetzt worden war. Aufmerksam hatte sie immer zugehört, wenn er in den folgenden Jahren auf Heimaturlaub in Bentfeld war und von dem Leben in dem fernen Land berichtete. Jedesmal hatte er auch von dem Ehepaar Johansen aus Döbrak gesprochen, mit dem er befreundet war. Johan Johansen war als Maurer auch nach der deutschen Bestezung auf der Festung Oscarsborg beschäftigt.

In den Jahren nach dem Krieg hat ihr Vater immer noch viel von Norwegen erzählt. „Norwegen wurde mein Traumland, das ich immer mal sehen wollte“, sagt Anni Hils.

Tochter Andrea und Schwiegersohn Meinolf Wolke halfen ihr, die Reise zu planen, die sie in ihr Traumland führen sollte, dorthin, wo ihr Vater fünf Jahre als Soldat gewesen war.

„Wir wussten, Oscarsborg liegt auf einer Insel im Oslofjord.“ Die Luftaufnahme von Oscarsborg, die ihr Vater mitgebracht hatte, hatte jahrelang in ihrem Wohnzimmer über dem Sofa gehangen. „Dieses Bild, das wollten wir mit nach Norwegen nehmen. Wir wollten diese Insel suchen, das hatten wir vor. Von Johansen hatten wir gar nicht mehr gesprochen, die existierten in unserer Vorstellung nicht mehr“, sagt Anni Hils.

Anfang Mai 1998 machte sich die Bentfelder Reisegruppe mit Schwiegersohn Meinolf Wolke aus Sudhagen auf den Weg nach Norwegen. Sie wollten Dröbrak und Oscarsborg finden.

Anni Hils berichtet: „Wir waren an der Information an der Grenze schon vorbei, da sagte Meinolf, wir drehen nochmal um und fragen, wo diese Insel liegt. Und da hörte ich, wie die Dame an dem Schalter den Namen Dröbak nannte. Oh, das ist doch schon mal was, dachte ich.“ Sie fuhren dann geradewegs nach Dröbak. Dort fragten an der Information für Touristen, wie sie zu der Insel Kaholm kommen könnten. Die Insel sei erst ab Juni für Touristen geöffnet, habe die Frau am Schalter gesagt.

„Meinolf hat dann ein Klagelied angestimmt“, erzählt Anni Hils, dass wir von weit her angereist seien und gefragt, ob es nicht doch eine Möglichkeit gäbe, zur Insel zu kommen. Ein Mitarbeiter am Schalter hat dann telefoniert und sagte nach dem Gespräch zu uns, wir sollten abends um sieben Uhr am Anleger sein. Es fahre dann eine norwegische Gruppe rüber zur Insel, und wir sollten uns anschließen.

„Nun gingen wir anschließend so da die Straße entlang, und dort sehen wir zwei Damen auf der Straße, eine ältere und eine jüngere. Wir waren schon an ihnen vorbeigegangen, da sagte Meinolf, die frage ich jetzt mal, ob die was über Johansen wissen. Meinolf sprach dann englisch zu der jüngeren, und die dann norwegisch zu der älteren, und dann ging das immer so hin und her, englisch norwegisch, norwegisch englisch. Wir suchen einen Soldaten, der während des Krieges hier stationiert war, habe Meinolf versucht zu erklären.

Die ältere Dame habe ein Hörgerät getragen und das alles wohl nicht so ganz verfolgen können. Sie habe dann gesagt, sie heiße auch Johansen, aber Johansen sei ein weit verbreiteter Name in Dröbak.

„Nun hatte mir mein Vater 1941 aus Norwegen eine Puppe mitgebracht, die hatte handgenähte Kleider. Das wusste Meinolf, und er sagte, die Frau Johansen, die wir suchen, habe wohl auch Puppenzeug genäht. Aber die ältere Frau kam damit nicht klar. Da sagte die jüngere Frau, Meinolf solle den Namen dieses Soldaten doch mal aufschreiben. Sie arbeite in einer Altentagesstätte, und sie wolle am nächsten Tag dort fragen, wer sich von den älteren Leuten noch an diesen Namen erinnere. Und Meinolf schreibt dann auf: Bernhard Holtgrewe. Und die ältere Dame schaut auch auf den Zettel und fällt fast in Ohnmacht. Das ist der Bernhard Holtgrewe, der bei uns war, ruft sie. Dann guckt sie mich an und fragt mich: „Du Anni?“ Ich sage, ja, ich heiße Anni. „Klein Anni“, sagt die ältere Dame. Es war unglaublich, ich sprach mit Gunvor Johansen, der Frau, für die ich als Kind Blumen gepflückt habe, die mein Vater dann mit nach Norwegen genommen hat. Das war so komisch, so komisch, das kann ich bis heute noch nicht begreifen“, sagt Anni Hils, und dann sagt sie sekundenlang nichts mehr.

Wie sich auf beiden Seiten, bei der Reisegruppe aus Bentfeld und bei Gunvor Johansen mit ihrer Betreuerin Britt Marit Roxrud, vor der Begegnung in Dröbak die Zufälle aneinandergereiht haben, darüber haben sie später noch oft gesprochen. Normalerweise würden die älteren Leute mit dem Taxi oder dem Bus aus dem Altenheim nach Hause gebracht. Aber an diesem Tag habe Gunvor ihren Gehstock nicht gefunden. Dann habe sie zwischen den anderen Stöcken herumgesucht, und das habe so lange gedauert, dass die Betreuerin Gunvor Johansen diesmal selbst nach Haus bringen musste. Aber die Abfahrt habe sich erneut verzögert, weil Gunvor immerzu erzählt habe. Sie wäre von einem Thema auf das andere gekommen, und sie hätten bestimmt 20 Minuten da gestanden. „Sonst wären sie längst weggewesen, oder wenn der Stock gleich zur Hand gewesen wäre, dann hätten wir Gunvor nie gesehen. Wir wären an ihrem Haus vorbeigegangen“, sagt Anni Hils.

„Wir haben später um diese Stelle, diese Stätte der Begegnung, mit Kreide einen großen Kreis gezogen und sind dann in die Altentagesstätte gegangen. Wir hatten gut vorgesorgt mit Sekt und Wein, und dann haben wir da gesessen und Bilder gezeigt und erzählt und erzählt.“ Gunvor habe dann auch einige Sätze deutsch gesprochen. Wenn Bernhard vom Urlaub zurückgekommen sei, habe er Blumen von klein Anni mitgebracht. Die seien dann zwar schon welk gewesen, aber sie habe sich sehr gefreut. Dann habe Gunvor das Lied gesungen, wenn in Großmutters Stübel ganz leise schnurrt das Spinnrad am alten Kamin. „Sang sie richtig, ganz zackig, die Melodie. Hat Bernhard ihr beigebracht. Ja, unser Papa war Musiker mit Leib und Seele“, sagt Anni Hils stolz.

Wikipedia: Norwegen unter deutscher Besatzung

Wikipedia: Oscarborg

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Anni Hils erzählt von ihrer Reise nach Dröbak
Weil ihr Vater nicht mehr nach Dröbak reisen konnte, habe sie quasi für ihn die Reise nach Norwegen gemacht, sagt Anni Hils. Foto: Adalbert Höber
Anni Hils zeigt auf die Insel Kaholm
Anni Hils zeigt nach der Reise im Jahr 1998 auf die Insel Kaholm mit der Festung Oscarsborg. Gegenüber liegt Dröbak. Foto: Carla Gebühr
Das Ehepaar Gunvar und Johan Johansen
Mit dem Ehepaar Gunvar und Johan Johansen aus Dröbak war Bernd Holtgrewe während seiner Dienstzeit in Norwegen befreundet.
Marinesoldat und Musiker Bernd Holtgrewe aus Bentfeld
Der Marinesoldat Bernd Holtgrewe aus Bentfeld war Musiker mit Leib und Seele, berichtet seine Tochter Anni Hils stolz.
Anni Hils (l.) und Gunvar Johansen
Anni Hils (l.) und Gunvar Johansen haben noch oft darüber gesprochen, wie sich die Zufälle vor ihrer Begegnung in Dröbak aneinandergereiht hatten.